Sobald wir gestress sind, aktivieren unsere Zellen ein Programm, das unseren Organismus auf Flucht oder Angriff vorbereitet. Gleichzeitig werden alle Wachstumsprozesse im Körper gestoppt. Die Stressempfindung ist ebenfalls von unseren Zellen abhängig – beziehungsweise von ihrem abgespeicherten Denk- und Verhaltensmuster.
Wenn jemand diese einschränkenden inneren Muster identifiziert und durch neue, befähigende Muster ersetzt, kann er nicht nur besser mit „Stress“ umgehen, sondern versetzt sein Gehirn auch in die Lage, neue Neuronen zu bilden.
Neurogenese heisst Wachstum von Neuronen, und bezieht sich auf Nerven- und Gehirnzellen. Diese werden fortlaufend von unserem Gehirn neu gebildet, wenn wir nicht permanent im Stress sind. Ein Gehirn, das permanent mit Stresshormonen bombardiert wird, stellt das Wachstum neuer Zellen ein. Es atrophiert sogar, d.h. es wird zunehmend kleiner und damit weniger leistungsfähig. Die Umwelt – und unsere Reaktionen auf die Umweltstressoren, beeinflussen die Erneuerung unseres Gehirns. Diesen Zusammenhang belegen neueste Studien, welche die Gehirnforscherin Elizabeth Gould an der Princeton University durchgeführt hat.
Deshalb ist es äusserst wichtig, dass wir von Grund auf lernen, mit Stress positiv und richtig umzugehen.
Unter Stress werden vermehrt sogenannte Glukokortikoide ausgeschüttet. Glukokortikoide versetzen den Körper in Alarmbereitschaft und aktivieren ihn zu Flucht oder Angriff. Für das Gehirn jedoch sind die Glukokortikoide Giftstoffe. Wenn unser Organismus dauerhaft auf Stress programmiert ist, stellt das Gehirn unter Einfluss besagter Giftstoffe die Bildung neuer Neuronen ein.
Darüber hinaus werden die Synapsenverbindungen, über die sämtliche Neuronen miteinander verdrahtet sind, geschwächt oder sogar aufgelöst. Dies führt im Übrigen dazu, dass auch neu gebildete Neuronen frühzeitig absterben. Denn sie sind nur dann überlebensfähig, wenn es ihnen gelingt, sich zu verdrahten.
Die dramatische Folge: Das Gehirn kann sich nicht erneuern und degeneriert. Dies gilt insbesondere für den Hippocampus, einen Teil des Gehirns, der maßgeblich für die Erinnerung und das Lernen zuständig ist.
Situationen, die wir in unserer frühen Entwicklung – sogar vor unserer Geburt – als Stress auslösend erlebt haben, können lebenslang nachwirken. Prof. Elizabeth Gould wies nach, dass die Gehirne von Affen, deren Mütter in der Schwangerschaft massiven Geräuschbelästigungen ausgesetzt waren, nicht in vollem Umfang zur Neurogenese fähig sind.
Tiere, die jedoch unter positiven Rahmenbedingungen heranwuchsen, konnten der Ausschüttung von Glukokortikoiden in Belastungssituationen relativ rasch entgegen steuern, wozu die vorbelasteten Tiere nicht fähig waren. Sie hatten diesen "Ausschalter" nicht.
Wenn jemand lernt, sich zu verändern und konstruktiv mit den Ereignissen des Lebens umzugehen, kann diese Person die Fähigkeit seines Gehirns zur Neurogenese wieder vollständig reaktivieren.
Viele Menschen (hier lesende ausgeschlossen) denken, dass Stress etwas ist, das von Außen einwirkt und entsprechend auch im Außen verändert werden muss.
Objektiv betrachtet sind Stressoren lediglich Einladungen, aus der eigenen Ruhe und Mitte zu fallen. Ob und wie jemand diese Einladungen annimmt, hängt von seinem individuellen Stressverhalten ab. Diese liegen im Innern und nicht im Außen und können folglich auch nur im Innern verändert werden.
1936 entlehnte der Mediziner Hans Selye den Begriff "Stress" aus der Physik, um „unspezifische Reaktionen des Körpers auf jegliche Anforderung“ damit zu bezeichnen. In der Werkstoffkunde bedeutet Stress lediglich "der Zug oder Druck auf ein Material".
Innerhalb kurzer Zeit fand dieser Begriff einen generellen Einzug in die Umgangssprache der meisten Sprachen statt. Heute wird der Begriff häufig benutzt, um eine Situation zu beschreiben, in der jemand unter Druck ist. Die Aussage „Keine Zeit – ich bin im Stress“ gehört bei den meisten Menschen inzwischen zur Tagesordnung.
Stress ist aber vielmehr eine individuelle Reaktion eines Menschen auf einen Stressor, den er persönlich als belastend empfindet.
Jeder Organismus setzt sich aus Trillionen von Zellen zusammen. Zellen mit gleichen Aufgaben bilden ein Organ oder Gewebe.
Die Aufgaben werden über zwei komplexe Nachrichtensysteme koordiniert: dem Nervensystem und dem Hormonsystem.
Diese Systeme sind eng miteinander verwebt und werden unter Stress gleichermaßen aktiviert.
Das oberste Steuerungsinstrument des Hormonsystems ist der Hypothalamus. Er ist etwa so gross wie ein 10 Rappen Stück und gehört zum limbischen System, welches die Emotionen steuert. Der Hyopthalamus empfängt Botschaften von den verschiedenen Gehirnzentren. Durch diese Botschaften veranlasst, schüttet der Hypothalamus Hormone an die Hypophyse aus. Diese wiederum wird durch die Steuerungshormone des Hypothalamus dazu veranlasst, vermehrt oder vermindert Hormone in den Körper auszuschütten.
Auf Stress auslösende Situationen reagiert der Hypothalamus mit der Ausschüttung des Steuerungshormons CRH (Corticotropin-releasing Hormone).
CRH aktiviert die anhängende Hypophyse zur Ausschüttung von ACTH (Adrenocorticotropes Hormon).
ACTH stimuliert die Nebennierenrinde zur Ausschüttung von Glukokortikoiden, z.B Kortisol.
Diese sorgen dann für eine Erhöhung des Blutdrucks, eine verbesserte Durchblutung von Gehirn und Muskeln, für die Freisetzung von Fetten und Zucker sowie eine Erweiterung der Bronchien.
Das zweite Nachrichtensystem des Körpers, das Nervensystem besteht aus einem Geflecht von Nervenzellen, den Neuronen, die untereinander durch so genannte Axonen und Dendriten miteinander verbunden sind.
Das Nervensystem ist unterteilt in das Zentrale Nervensystem, zu dem das Gehirn und das Rückenmark gehören, und das periphere Nervensystem.
Dieses wiederum ist untergliedert in das willkürliche Nervensystem, also das, was der Mensch bewusst steuern kann, und das unwillkürliche (vegetative) Nervensystem, das autonome Abläufe wie die Atmung, die Verdauung und die Organfunktionen steuert.
Diese Steuerung wiederum erfolgt über den Sympathicus und den Parasympathikus.
Der Sympathicus wirkt anregend und mobilisierend.
Der Parasympathikus wirkt beruhigend, beziehungsweise bremsend.
Signalisiert das Gehirn Stress, so regt der Sympathicus das Nebennierenmark zur Produktion des Stresshormons Adrenalin an. Dieses hemmt die Verdauungsprozesse, den Proteinaufbau, (und fördert die Fettspeicherung), hemmt des Weiteren die Sexualfunktionen und die Aktivitäten des Immunsystems.
Begegnen wir einer Situation, die wir als Stress auslösend erleben, werden dem Körper alle für die Flucht oder den Angriff notwendigen Energien zur Verfügung gestellt. Zugleich werden jedoch Zellprozesse unterbunden, die für Wachstum und dauerhafte Gesundheit nötig sind. So hat das Immunsystem weniger Energie zur Verfügung, solange der Körper damit beschäftigt ist, auf vermeintliche oder reale Bedrohungen von außen zu reagieren. Entsprechend macht sich unter Dauerstress eine Abwehrschwäche gegen Krankheitserreger bemerkbar.
Und ebenso werden Hirnbereiche, die für die Verarbeitung komplexer Informationen zuständig sind, weitgehend unterbunden und „klares Denken“ ist kaum mehr möglich. Unter dem Dauerbeschuss von Glukokortikoiden stellt das Gehirn die Produktion neuer Neuronen sogar weitgehend ein. Das Gehirn schrumpft im wahrsten Sinne des Wortes. Davon abgesehen zeigt sich das Ungleichgewicht in Form von Bluthochdruck, Muskelverspannungen, Stoffwechselstörungen oder Kopf- und Magenschmerzen – um nur einige der bekanntesten Folgeerkrankungen zu nennen.
Welche Situationen auf einen Menschen Stress auslösend wirken, hängt jedoch von seiner Programmierung ab. Denn die individuelle Wahrnehmung der Umwelt bestimmt, wie sich die Zellen verhalten. Die Zellen sind über die Zellmembrane in der Lage, auf jede Gegebenheit in der Umwelt mit einem bestimmten Verhalten zu reagieren.
Das Programm, in dem sich Stimulus und Reaktion aktivieren, wird im Unterbewusstsein abgespeichert.
Das Nervensystem, zu dem auch das Gehirn gehört, hat nun die Fähigkeit eine umfangreiche Datenbank im Unterbewusstsein abzuspeichern. Diese Datenbank kann mit der Festplatte eines Computers verglichen werden.
Der bewusste Wille und das Unterbewusstsein stehen der Programmierung dieser Zellen nicht immer gleich gegenüber. Konflikte zwischen bewusstem Willen und Unterbewusstsein können in bestimmten Fällen sogar noch mehr Stress auslösen und sich sehr belastend auf das ganze System auswirken.
Gerade dann, wenn jemand weiss, das etwas nicht gut ist und dabei sich selbst beobacht — aber sein Verhalten nicht ändern kann (und sich in der Folge darüber ärgern muss), kann daraus einen regelrechter Teufelskreis entstehen.
Deshalb ist es wichtig den Stress auch dort zu bewältigen und zu lösen, wo er tatsächlich entsteht und wo die Reaktionsmuster verankert sind.